Vor verschlossener Buchladentür

Nun ist er weg, der kleine, gemütliche Buchladen in Cavan … Crannog Bookshop, einst prämiert als Buchladen des Jahres, hatte doch eigentlich alles. Lesekreise, Signierstunden, Autorenauftritte, ein regional abgestimmtes Sortiment, fachkundiges Personal mit Interesse am geschriebenen Wort. Da fehlte zur Perfektion nur eines. Der kaufende Kunde, samt dem im Kapitalismus nun mal nötigen Profit.

Kein Geld in der Kasse, der grimme Schnitter klopft an.

Nun ja, immerhin haben wir in Cavan ja noch einen Eason. Also einen Ableger der irischen Ladenkette, die das Land in rund fünfzig Filialen mit Zeitungen, Zeitschriften, Schreibwaren, Büchern und allerlei peripherem Krimskrams versorgt. Und in dem das Sortiment per Bestsellerliste bestimmt wird. Verkauft von Personal, bei dem man sich fragt, ob sie jemals im Leben mehr als die Textnachrichten ihrer Freunde gelesen haben. Ein Buchladen also, in den man mit dem konkreten Wunsch geht, es solle ein Geschenk für jemanden sein, über den man so gut wie nichts Konkretes weiß. Oder wo man die Schulbücher kauft, in Irland das eigentliche Mega-Geschäft.

Ausgerechnet in Irland, Insel der vier Literatur-Nobelpreisträger …

Naja, sehen wir uns doch mal Dublin an – die UNESCO-Literaturstadt zelebriert diesen Status seit Jahren mit einer Verödung der literarischen Landschaft. Zumindest was den Endverbraucher angeht. Alteingesessene Buchhändler schlossen reihenweise, wenn sie nicht die Übernahme durch einen Branchenriesen rettete (Hodges & Figges etwa ist nur ein gut getarnter Waterstones). Neuankömmlinge wie Borders rutschten direkt in die Pleite. Die verbleibenden Läden haben fast ausschließlich Massenware nach Eason-Modell, die meisten sind Eason. Als leuchtende Fackel sticht aus der Mittelmäßigkeit allenfalls noch Chapters heraus, der quirlige Laden mit den kleinen Preisen und überraschenden Sortimentsergänzungen (je nach Remittendenlage).

Verblödet die Welt, werden wir zu Illiteraten?

Das nun auch nicht mehr als vorher, denke ich. Aber im Massenangebot der Medien hat es das Buch immer schwerer, sei es durch die Konkurrenz der papierlosen Lesestoffe, sei es durch visuellere Aufbereitungen, ob als Film, TV-Serie, oder gar Computerspiel. Da hat selbst der Intellektuelle, der Bibliophile, seine Zeit neu einzuteilen. Und wer will, ganz ernsthaft gefragt, schon entscheiden, ob der neue James Patterson oder die Münsteraner Mörderjagd mit Thiel, Börne oder Wilsberg “wertvoller” ist. Wobei, die Lektüre des “Herrn der Ringe”, zumal im Original, ist immer noch ein tiefer gehendes Erlebnis als das Binge-Watching des Director’s Cut.

Doch zurück nach Cavan, denn auch ich bekenne meine Mitschuld.

Immerhin leben wir, ausgemachte Leseratten, schon mehr als ein Dutzend Jahre in dieser Ecke der irischen Insel. Und haben, so aus der Lamäng gesprochen, vielleicht drei Bücher im Crannog Bookshop gekauft. Das liegt zum einen daran, dass wir Belletristik eigentlich nur aus der Bibliothek beziehen. Zum anderen an der Tatsache, dass unsere Interessengebiete sich selten mit dem Angebot überschnitten. Und zum dritten am kalten Fakt, dass die irischen Grossisten bei Importen (und das sind die meisten Bücher und Zeitschriften im Angebot) exorbitante Preissprünge vorprogrammieren. Ungelogen, ich habe britische Bücher im deutschen Buchhandel billiger gesehen als hier in Irland.

Und der Online-Handel?

Ja, auch Amazon und Konsorten werden ihr Scherflein zum Niedergang des kleinen Buchladens beigetragen haben. Erstmal über den Preis, denn wo keine Buchpreisbindung, da regiert die Masse. Dann aber auch schlicht über das breite, blitzschnell lieferbare Angebot. Wenn ich etwa ein Buch zu den baltischen Kreuzzügen suche, dann kann ich das auf Amazon schnell hinter mich bringen, bekomme sofort einen Preis und ein (meist zutreffendes) Lieferdatum genannt, ab weniger als dreißig Euro ist die Lieferung kostenlos dazu. Das kann ein örtlicher Händler eigentlich nur noch schlagen, wenn er sich durch Spezialisierung hervorhebt – wie etwa der Kult-Krimiladen No Alibis in Belfast … wobei, das Dubliner Pendant Murder Ink hat ja nun auch schon vor Jahren die Türen geschlossen.

Bleibt die Frage, ob es eine Lösung dieses Problems gibt.

Ah, Moment, welchen Problems? Wie schon erwähnt, ich war gar nicht wirklich Kunde beim Crannog Bookshop. Und hatte die Schließung jetzt auch mehr zufällig, wortwörtlich im Vorbeigehen, wahrgenommen. Wenn man es nüchtern betrachtet, ist meine Elegie für den lokalen Buchladen dann doch mehr ein Essay in Krokodilstränen. Und auch von den meisten geschlossenen Läden in Dublin vermisse ich letztendlich entweder nur den pittoresken Anblick, oder das nette Kaffee-Eckchen, umgeben von Büchern … die ich dann doch nicht kaufte.

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