Irische Spruchweisheiten

Was ist, abgesehen von Hausaufgabenhilfe, die wohl am meisten gestellte Frage zum Thema Irland? Weiss ich auch nicht genau, gebe ich zu, aber die Bitte um eine Aufzählung von Spruchweisheiten steht bestimmt ganz oben. Zusammen mit Segenssprüchen. Eignet sich als handgemalte Geburtstagskarte, aber auch als immerwährende Tätowierung. Naja, wer es mag, über Geschmack will ich nicht streiten, meiner ist es oft nicht.

Wie auch immer, der Club der Irischsprechenden (oder so) in unserem Nachbarnest Kilnaleck (384 Einwohner, rund zwanzig Kneipen, die meisten allerdings verrammelt und verkommen) hat zur Seachtain na Gaeilge das Dorf verschönert. Zur was? Nun ja, Seachtain na Gaeilge ist die Woche der irischen Sprache, so um den St. Patrick’s Day herum, wo plötzlich jeder sein linguistisches Erbe entdeckt. Oft mehr schlecht als recht, aber es gibt immerhin ein Zugehörigkeitsgefühl. Und es geht ja auch mal wieder um Nationalismus …

Und wer will sich in Ulster, denn da sind wir nun mal (wenn auch in der Republik) schon als West Brit schmähen lassen? Also außer denen, die sich eh britisch fühlen. Aber die sprechen auch kein Irisch. und sind nur dann nützliche Nachbarn, wenn man mal wieder billig Bier und Wein einkaufen will.

Doch nach Kilnaleck und zur Aktion “Unser Dorf soll schön irischer werden!” Die Aktion des Jahres war ein Dutzend Schilder, oft von recht fragwürdigem optischen Design, die an der Hauptstraße entlang festgeschraubt wurden. Und die eben irische Spruchweisheit dem Volk nahe bringen sollen. Praktischerweise gleich mit englischer Übersetzung, denn sonst hätten es wohl viele gar nicht richtig verstanden.

“Lobt die Jugend, dann wird sie Erfolg haben!” Gibt es dafür eine deutsche Entsprechung? Ich kenne keine. Aber immerhin besser als das Motto so mancher katholischer Grundschule in der guten alten Zeit: “Spare the rod and spoil the child!”

“Ein gutes Wort hat noch nie einen Zahn ausgebrochen!” In etwa wohl so gemeint, dass einem kein Zacken aus der Krone bricht, auch mal nett zu sein.

“Ein guter Ruf ist besser als Reichtum!” Mancher Geschäftsmann vom Schlage Trump wird dies sicher als Motto der Habenichtse sehen, und auch ich habe so meine Zweifel an der universalen Richtigkeit des Sprüchleins. Immerhin hieß es in Norddeutschland ja auch eher “Kannste was, dann haste was – haste was, dann biste was!” Moralisch sicherlich verfänglich, aber doch die grausame Realität. Und ist der Ruf erst ruiniert, dann lebt sich’s völlig ungeniert. Sagte mein Deutschlehrer Frank A. mal.

“Die stillen Schweine essen das Mahl!” Sei still und iss, Kind? Nein, eher so gemeint wie das Ding mit des stillen Wassern und ihrer Tiefe, wer wenig redet kommt zu mehr. Wirklich? Also, bei uns nebenan ist ja eine Schweinefarm, und was da zur Futterzeit für ein Lärm herrscht … übrigens ist dieses Schild am Laden des örtlichen Schlachters befestigt. Da sind alle Schweine still. Und werden als Mahl gegessen.

“Gerechtigkeit geht vor Freigiebigkeit!” Hängt bezeichnenderweise am Gemeindezentrum, wo man unter anderem seine Sozialamtsangelegenheiten erledigen muss, der Wochentreff der Gestrauchelten. Und mit Freigiebigkeit hat es der irische Staat ja nun nicht wirklich mehr am Hut. Mit Gerechtigkeit auch nicht unbedingt, aber der Spruch klingt gut. Erstmal.

“Es hat schon oft eine Ameise ein Pferd zum Springen gebracht!” Ist die ausgeschmückte Version von “Kleine Ursache, große Wirkung.”

“Am Ende jeder Predigt geht der Klingelbeutel herum!” Irische Art, darauf hinzuweisen, dass auf dieser Welt wirklich nichts umsonst ist. Nichtmal der Tod, denn der kostet das Leben. Leider aber wurde dieses Schild nicht an der örtlichen Kirche, ja nicht einmal in der Nähe derselben, festgeschraubt. Man will es sich wohl doch mit dem Klerus nicht ganz verderben.

“Ein trübes Auge sieht ein trübes Leben!” Ach ja, könnte aus jedem Selbsthilfebuch stammen, man muss es nur wollen und so weiter. Wolke und Silberstreif. Nach jedem Regen Sonnenschein. Das Leben muss man sich nur schöndenken, dann klappt es auch. Gut, mein Glas bleibt halbleer.

“Fröhliche Nacht – trauriger Morgen!” Na toll, wie war das noch gleich mit dem trüben Auge? Dieser Aufruf zur Selbstzügelung, oder praktische Hinweis gegen den Kater danach, ist nun nicht gerade mit dem Klischeebild des feuchtfröhlichen Iren vereinbar. Hat schon fast etwas Puritanisches. Und passt irgendwie gar nicht so recht in die Reihe. Oder?

“Ein Prügelei ist besser als gar kein sozialer Kontakt!” Okay, soll wohl komisch sein. Oder ein Hinweis darauf, dass man Probleme nicht in sich reinfressen soll. Und ist für mich wirklich “typisch irisch”. Denn nur Hibernias Söhne und Töchter würden wohl Gezank der einsamen Ruhe vorziehen. Da ist dann auch die Grammatik egal.

“Die drei hilflosen Fälle – Trinker, Hurer, Spieler!” Jetzt wird es aber fast alttestamentarisch, kommt die gesamte irisch-katholische Moral zum Tragen. In der ein Mörder durchaus Aussicht auf Vergebung hat. Aber wehe, er fängt später das Saufen an, dann ist er ein Pariah. Ähnlichkeiten mit örtlichen Vorfällen? Ach was, das ist nur meine blühende Phantasie.

Und zu guter Letzt … der Spruch, der mich am meisten verwirrte:

“Wenn man einen Ziegenbock in die Kapelle lässt, dann stoppt er nicht, bis er am Altar steht!” Als Priester? In einer Kapelle der Nonkonformisten? Ich werde nicht schlau daraus. Oder soll das heißen, dass alle am Altar doch nur (geile) Böcke sind?