Gedenken, mit den Füßen getreten …

Stolpersteine nennt man sie gerne allgemein in Deutschland, jene mehr oder minder dezent ins Pflaster des Trottoirs eingelassenen, meist aus Metall bestehenden Gedenksteine im Miniformat. Blank geputzt durch den ständigen Fußgängerverkehr. Und an jüdische Mitbürger erinnernd, die von den Nazischergen verhaftet, deportiert, oft genug ermordet wurden.

Wird hier das Gedenken an den Holocaust, die “Endlösung der Judenfrage”, mit den Füßen getreten?

Stolpersteine in Aschaffenburg - vor dem Haus Steingasse 2
Stolpersteine in Aschaffenburg – vor dem Haus Steingasse 2

Ich denke “Nein!”, denn der Sinn dieser dezenten Mahnung im Alltagsbild einer Stadt ist es, immer wieder auf Spuren der Shoah zu stoßen. Und den heutigen Menschen gleichzeitig immer wieder ins Hirn zu hämmern, dass es eben nicht eine wabernde, unfassbare Masse von “6 Millionen Juden” war, die man vernichtete. Sondern der Nachbar, ein Mensch, der friedlich und ohne irgend jemand Leid zu tun hier am Ort wohnte. Bis ihn die Unmenschen abholten. Oftmals Unmenschen, die nach dem Krieg ungeschoren davonkamen, als Mitläufer. Die Karriere als wiedergeborene Demokraten machten, sich keiner Schuld bewusst. Auf Befehl gehandelt. War nun mal eine andere Zeit. Und überhaupt. Oder so.

Nein – ich mag die Stolpersteine. Wesentlich eindringlicher als die meist irgendwo versteckten Mahnmale, halbherzige Angelegenheiten wie in Itzehoe, kaum beachtet. Über die Stolpersteine, die auf den Künstler Gunter Deming zurückgehen, stolpert man (im übertragenen Sinne) immer wieder. Wenn nicht gerade einige Ewiggestrige sie aus dem Pflaster gerissen haben. Oder mit den Namen von “deutschen Mordopfern” überklebt, wie in Dresden, denn da ist das Volk.

Jetzt stolperte ich auch in Irland über eine solche Gedenktafel mitten im Bürgersteig. Allerdings nicht als Stolperstein, sondern als Gullydeckel ausgeführt. Und wohl als eine “würdige Erinnerung” an den Osteraufstand 1916 (auch “Éirí Amach na Cásca 1916” genannt) in grösserer Auflage produziert.

Patriotischer Gullydeckel in Cavan
Patriotischer Gullydeckel in Cavan

Ein Schachtdeckel, der wahrscheinlich den Zugang zu unterirdischen Kabelanlagen der Telefongesellschaft eir sichert. Was vom Motiv Sinn macht, denn gezeigt wird ein echter irischer Held auf jenem Gebäude, das einst den Telefondienst verwaltete. Namentlich Eamon Bulfin (oder Eamonn, wenn man noch irischer sein will), der schon früh von Schulmeister Pearse selber indoktriniert wurde, und als Belohnung 1916 die merkwürdige Flagge der “Irish Republic” auf dem General Post Office in Dublin hissen durfte. Dargestellt im typisch Holzschnitt-artigem, irisch-heroischem Stil, um wenigstens annäherungsweise an Meliton Kantaria auf dem Reichstag (so er es war) oder die Marines auf Iwojima (die unbedingt noch einmal dramatischer Flagge zeigen mussten) heranzukommen.

Patriotischer Edelkitsch, als nationalistische Massenware wortwörtlich unter das Volk gebracht. “Typisch Irland!” war mein Seufzer, als ich nach einem Schnappschuss recht unbeeindruckt weiterging.

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